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Eine Frau, die zu Herzen geht
Ina Carolin Ennker operiert wie sonst nur wenige
Frau Doktor Ennker? Ob sie denn nicht wisse, dass Frauen hierzulande sich nicht mit den akademischen Titeln ihrer Männer schmücken dürften? Beim Einkaufen in Lahr mußte sich Ina Carolin Ennker diese Frage schon mal anhören. Tatsächlich ist ihr Mann Arzt. Jürgen Ennker ist sogar Chefchirurg des Herzzentrums Lahr. Doch Ina Carolin Ennker hat es nicht nötig, sich mit fremden Federn zu schmücken. Sie ist zwar "die Frau an meiner Seite", aber das in einem viel umfassenderen Sinn, als sich gemeinhin hinter dieser verstaubten Floskel verbirgt: Ina Carolin Ennker geht zu Herzen. Sie ist eine der wenigen Thorax-Cardio-Vaskular-Chirurginnen, die es in Deutschland gibt. Auf 270 Bypass-Operationen am offenen Herzen wird sie es bis zum Jahresende am Lahrer Herzzentrum allein 1996 gebracht haben. Dazu kommen eine Menge Herzschrittmacher und noch einiges "Kleinzeug", wie sie etwa das Einsetzen von Defibrillatoren nennt.
Die Frau beherrscht komplizierteste Hightech-Operationsmethoden. Mit der Chirurgie als Berufsfeld hat sie sich eine absolute Männerdomäne ausgesucht, in der oft ein rauher Umgangston herrscht. Und sie hat sich durchgesetzt. Wie funktioniert das? "Harte Arbeit. Es ist schon wahr, dass man als Frau immer besser sein muß", stellt sie nüchtern fest. "Dabei arbeiten Frauen häufig zuverlässiger."
Aus dieser Erfahrung hat sie Konsequenzen gezogen. Bei der Zusammenstellung des Ärzteteams für das Herzzentrum haben Ina Carolin Ennker und ihr Mann gezielt Frauen eingagiert. Heute stehen den 14 Ärzten des Teams immerhin acht Ärztinnen gegenüber. Das ist eine beachtliche Quote. Im benachbarten Klinikum Lahr ist das Verhältnis 5:1.
In der Klinik ist ihr Mann der Chef, und Ina Carolin Ennker steht zusammen mit drei weiteren Oberärzten in der offiziellen Hierarchie eine Stufe tiefer, aber als Ehefrau hat sie natürlich ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem "Chef", aber gibt es da nicht auch Konflikte? "Natürlich denke ich auch mal: Was hat er denn jetzt wieder gesagt! Und umgekehrt bekomme ich auch Kritik von meinem Mann zu hören. Aber wir sind ein gut eingespieltes Team, wir ergänzen uns", sagt Ina Carolin Ennker. Jürgen Ennker betrachtet das gemeinsame Arbeitsverhältnis als großer Vorteil: "So habe ich vier Augen in der Klinik."
Als wir in seinem Büro auf seine Frau warten, die gerade noch einen Eingriff beendet, holt er ein Buch aus dem Regal: Pichlmayr/Löhlein, Chirurgische Therapie, ein Standardwerk der chirurgischen Literatur. Im Autorenverzeichnis finden wir Ina Carolin Ennkers Namen. "Das würde sie Ihnen nicht selbst zeigen. Dazu ist sie zu bescheiden." Ina Carolin Ennkers Bescheidenheit beruht auf dem Wissen um die eigene Leistungsfähigkeit, auf Zielstrebigkeit und Disziplin. Bereits während der Schulzeit in einem Hanoveraner Mädchengymnasium entdeckte sie ihren Berufswunsch: Ärztin. "Da ich aber eher faul war, hätte es wohl nicht für den Numerus Clausus gereicht. Ich habe mir dann ganz rational überlegt, was zu tun sei, und habe schließlich einmal pro Woche Lateinnachhilfe genommen."
Und es reichte. Das Medizinstudium hat sie dann fix hinter sich gebracht und danach bei Professor Pichlmayr, dem deutschen Spezialisten für Lebertransplantation, sich bis zu Oberärztin hochgearbeitet. "Professor Pichlmayrs Frau ist ebenfalls Medizinerin, sie ist Professorin für Anaesthesie und hat nebenbei noch fünf Kinder großgezogen. Vorurteile gegen Frauen in der Medizin kannte er daher nicht." Abgesehen von je einem Jahr im Deutschen Herzzentrum Berlin und in der Unfallchirurgie Hannover hat Ina Carolin Ennker von 1984 bis 1992 in Pichelmayrs Team gearbeitet. Für ihre Arbeit wurde sie 1990 31jährig als erste Frau von der deutschen Gesellschaft für Chirurgie mit einem Preis ausgezeichnet. Anschließend arbeitete sie für zwei Jahre in der Speziellen Thoraxchirurgie in Berlin.
1994 erhielt Jürgen Ennker dann das Angebot, in Lahr das Herzzentrum aufzubauen. Zusammen mit Söhnchen Nikolas zogen die Ennkers in den Schwarzwald. Tochter Kim-Sophie, die im gleichen Jahr noch in Berlin geboren wurde, ist bereits eine echte Lahrerin. Ina Carolin Ennker: "Sie fängt schon an, Lahrer Dialekt zu sprechen."
Beide Eltern beruflich voll eingespannt, wie klappt da die Erziehung der Kinder? "Wir versuchen, soviel Zeit wie möglich mit Ihnen zu verbringen. Frühmorgens kümmert sich eine Erzieherin um die Kleinen. Ab 11 Uhr sorgt dann Frau Schöneck, eine professionelle Lehrerin für Hausaufgabenbetreuung und für Spiele."
Quelle: Ralf Burgmaier in: Badische Zeitung - Samstag 14.12.1996 - Nr. 290/LA 1

