Foto: Dr. med. Ina Carolin EnnkerDr. med. Ina Carolin Ennker
  • Startseite
  • Seite empfehlen
  • Impressum
  • Nutzungsbedingungen
  • Datenschutzerklärung
  • deutsch
  • english
  • русский
  • لعربية
  • Leistungsspektrum
  • Lebenslauf
  • Publikationen
  • Patienten/Angehörige
  • Presse
    • Behandlung der postoperativen Mediastinitis und Sternumosteomyelitits
    • Ein Chef zum Verlieben
    • Karriere trotz Kind
    • Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen
    • Erfahrungen einer Herzchirurgin
    • Vorbild für eine neue Generation Chirurgininnen
    • Herzoperationen bei Frauen - nichts für Anfänger
    • Eine richitige Anerkennung
    • Aus Liebe zum Beruf
    • Operieren hier die Schwestern
    • Am Herzen operieren nur Männer
    • Chirurgininnen in Herz-, Thorax- und Kardiovaskularchirurgie
    • Eine Frau, die zu Herzen geht

Zu den Seiten vonProf. Dr. med. J. EnnkerFacharzt für Chirurgie, Herzchirurgie, Thorax- und Kardio­vasku­larchirurgie, Gefäß­chirurgie

Presse

"Operieren hier die Schwestern?"

Kein Zweig der Medizin ist so stark dominiert von Männern wie die Chirurgie. Obwohl die Hälfte der Studenten weiblich ist, sind Frauen im Reich der Skalpellkünstler noch immer Exoten. Warum gibt es so wenige Chirurginnen?

"Es ist angerichtet." Stundenlang hat Chirurgin Doris Henne-Bruns auf diese Mitteilung gewartet. Komplikationen beim Eingriff eines Kollegen und das aufwendige Säubern und Desinfizieren des septischen Operationssaals haben an diesem Tag das Programm der "Klinik für Allgemein- und Thoraxchirurgie" der Universität Kiel verschoben.

Damit ihr Sohn Alexander, 3, und die Tagesmutter sich darauf einrichten können, hat die Ärztin schon zu Hause angerufen, dass es heute später wird. Nun sammelt sich das Team um den Patienten, der bereits in Seitenlage auf dem Tisch schläft; quer über seinen Rücken läuft die Narbe einer früheren Lungenoperation. Der Eingriff wird heikel, weiß Henne-Bruns, weil sie die nachgewachsene, mit dem Brustkorb verbackene Geschwulst "vorsichtig abknispeln" muß, auch die Beatmung des Patienten mit einem Spezialtubus ist schwierig. Weil sich der 42-jährige obendrein mit Hepatitis infiziert hat, streift sich die Chirurgin ein zweites Paar Handschuhe über.

"Dürfen wir?" Die Anästhesisten nicken. Dann wird fast fünf Stunden lang geschnitten, präpariert, verschmurgelt und gestichelt. Während zwei Assistenten die große Wunde mit Haken und Spreizern offenhalten, löst die Frau im grünen Kittel den Tumor, als ob sie behutsam einen Saum auftrennte. Mit raschem Griff stopft sie sterile Tücher in den Brustkorb und wischt die Höhlung aus. Quer über den Tisch gebeugt, inspiziert Henne-Bruns immer wieder die tiefe Körperöffnung, entnimmt Lymphknoten und bespricht, während der OP-Pfleger ihr den Hörer ans Ohr hält, mit dem Radiologen die Art der nachfolgenden Strahlentherapie.

Ob Tumor, Leistenbruch oder Transplantation - sie gehe "überall gelassen ran", sagt die Chirurgin, die bekannt ist für ihr schnelles und fast blutloses Operieren. Gelassen überstand die jetzt 43-jährige Professorin, die sich vor zehn Jahren als erste Chirurgin an der Hamburger Uniklinik habilitierte, auch die rauhen Ausbildungszeiten in der Männerdomäne des OP-Traktes.

Manches hat sich indessen verändert: Mittlerweile werfen, zumindest in den Hochschul- und High-Tech-Sälen, keine jähzornigen Messerhelden mehr mit ihren Instrumenten um sich, die standesüblichen Zoten sind selten geworden, und wer, wie einst, selbstherrlich herumschreit, "fliegt bei uns raus", sagt Henne-Bruns.

Dennoch ist die Chirurgin und stellvertretende Direktorin immer noch ein exotisches Wesen im Medizinbetrieb: Obwohl schon lange ebenso viele Frauen wie Männer Medizin studieren und das Staatsexamen ablegen, sind Frauen unter den Chefärzten, Oberärzten und Fachärzten in der Minderheit - und erst recht im Reich der Skalpellkünstler. Nur 6,4 Prozent aller praktizierenden Chirurgen sind Frauen, die meisten von ihnen arbeiten in der Kinderchirurgie. Die allergrößte Rarität stellen operierende Frauen in der Herzchirurgie dar: Nicht einmal drei Prozent haben auf diesem Gebiet ihren Facharzt erworben.

"Soll die Chirurgie ein Altherrenclub bleiben?" Zu dieser provozierenden Frage sah sich Henne-Bruns auf einem deutsch-amerikanischen Chirurgensymposium in München veranlaßt: Das rein männliche Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat ein Durchschnittsalter von fast 60 Jahren. Unter ihren rund 5300 Mitgliedern verzeichnet die konservative Gesellschaft nur 260 Ärztinnen, 10 von ihnen sind Professorinnen.

Dass es bei dem seit Jahren beinahe unverändert mickrigen Chirurginnenanteil geblieben ist, führen die Ärztinnen selbst auf mehrere Ursachen zurück: Das "Klischee vom Chirurgen als nimmermüdem Supermann", aber auch der karriereschädliche Spagat zwischen Familie und Beruf behindere den Zugang von Frauen zu diesem Fach, das eigentlich ihrer manuellen Geschicklichkeit entgegenkomme, sagt Henne-Bruns.

Andererseits treffen die Ärztinnen immer noch auf Vorurteile, die schon im vergangenen Jahrhundert als Argument gegen Frauen in der Medizin vorgebracht wurden: Die männlichen Professoren sahen sich damals als "Bewahrer der Natur der Frau" und verweigerten ihr, weil sie körperlich und nervlich zu schwach sei, den Zugang zu den Hörsälen der Medizin. 1845 erlangten in den USA Frauen den Zugang zu allen Studienfächern. Erst 1908 ließen deutsche Universitäten, als letzte in ganz Europa, Studentinnen generell auch für die Medizin zu. Im gleichen Jahr schon eröffneten Agnes Hacker und Franziska Tiburtius, die wie viele deutsche Geschlechtsgenossinen in Zürich ihren Dr. med. gemacht hatten, in Berlin ein Unikum: die nach dem damals neuesten Stand der Wissenschaft eingerichtete "Chirurgische Klinik weiblicher Ärzte".

"Ach, Sie sind jung, Sie sind hübsch, kriegen Sie doch weiter Kinder." Oder "Sie sind ein bißchen zu klein für diese Arbeit" (mit einer Körpergröße von 170 Zentimetern). Über solcherlei Einwände in erfolglosen Bewerbungsgsprächen berichteten Chirurgie-Kandidatinnen im "Referat für Ärztinnen" der Landesärztekammer Hessen. Auch fürsorgliche Hinweise darauf, dass die "Nachtdienste nicht gut für die Hormone sind", hätten nicht gefehlt, erzählt Ärztekammer-Mitarbeiterin Ursula Stüwe, 51, selbst Unfallchirurgin an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden: "Wenn es um die Nachtschicht von Operations- und Stationsschwestern geht, sind Hormone offenbar kein Problem."

"Immer noch Widerstände, die nicht fachlich sind", hat Kinderchirurgin Sylvia Engler, 39, mittlerweile Oberärztin an der Uniklinik Kiel, während ihrer Ausbildung an Krankenhäusern erlebt. Immer wieder wurde ihr auch abgeraten, sich als Chirurgin zu spezialisieren.

Eine bezeichnende Anekdote trug Henne-Bruns auf dem deutsch-amerikanischen Symposium vor: Zwar sei sie, als Vorsitzende einer Jahrestagung der Gesellschaft Nordwestdeutscher Chirurgen, zum traditionellen Abschlußessen geladen worden. Am Ärztetisch aber habe sie nicht sitzen dürfen. Statt dessen wies man ihr "einen Platz im Tiefgeschoß mit den Ehefrauen und Witwen" zu. Erst zwei Jahre später, 1991, wurden die Regularien der Gesellschaft geändert und "geeignete Frauen" fortan zum Herrenschmaus zugelassen.

In Zusammenhang mit einer Umfrage an sämtlichen deutschen Herzzentren, die Kardiochirurgin Ina Ennker, 39, jüngst auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie in Dresden präsentierte, brachten Klinikchefs unverhohlen ihre Ressentiments vor: Sie könnten sich selbständige weibliche Operateure in ihrem Fach nicht vorstellen, hieß es, und betrachteten Frauen für diese Art von Anforderungen als ungeeignet.

Immerhin beklagten einige Klinikleiter ausdrücklich, dass nur wenige Frauen die Facharztausbildung abschließen. Der italienische Chef eines norddeutschen Herzzentrums etwa bedauerte "Trotz meiner Herkunft kann ich Frauen offenbar nicht anziehen."

Insgesamt 27 Frauen, 19 davon als Oberärztin, dürfen derzeit an den Fachabteilungen für Herz- Thoraxchirurgie selbständig operieren, ergab die Umfrage, auf die 66 der 78 angeschriebenen Klinikleiter antworteten. Einzige Chefärztin ist am Herzzentrum Coswig (Sachsen-Anhalt), die Professorin Ulrike Blum, 48.

Kaum anders sieht die Situation in Österreich aus, berichtete die Wiener Professorin Adelheid End, 39, auf der Dresdener Tagung. Nicht darin, dass der Beruf als kräftezehrender, aber auch psychisch belastender gelte als alle anderen Gebiete der Medizin, sieht sie den Grund für die so geringe Frauenpräsenz in der Herz- und Thoraxchirurgie. Allzuoft gehe es in der Männerbastion um "Macht, Ehrgeiz, Geld und Publicity - Werte, die Frauen nicht so viel bedeuten". Manch tüchtige Kollegin sein schon "im Abseits verschwunden" oder habe umgesattelt, "weil sie ihre Prinzipien nicht über Bord werfen wollte und keine männliche Lobby hatte."

"Mehr am Patienten orientiert" seien die weiblichen Chirurginnen, sagt auch Ina Ennker, die wie ihre Kolleginnen End, Henne-Bruns und Stüwe von ihrem Handwerk fasziniert ist, obwohl es oft "richtige Maloche" um jeden zweiten Tag Rufbereitschaft bedeutet. "Wenn an Herzkranzgefäßen von einem halben Millimeter Durchmesser etwas schief geht, kriegt man die Quittung sofort", erklärt sie. Das "schnelle Agieren und Reagieren"(Stüwe), das "manuelle Gestalten" (End), das "direkte Eingreifen-Können mit sichtbarem Erfolg, aber auch das Hantieren mit sehr viel Gefühl und Zartheit" (Henne-Bruns) machen den Reiz dieser Arbeit aus. Kinderchirurgin Engler schätzt "die ständige Herausforderung" und die Gewißheit, "dass so viele meiner Patienten gesund nach Hause gehen".

"Operieren hier auch die Schwestern?" Solche Fragen von Patienten, die zum Vorgespräch einen kräftigen Mann als ihren Operateur erwartet haben, sind schon vorgekommen. "Doch meist", so die mit fröhlicher Energie geladene Henne-Bruns "wird meine Kompetenz nicht angezweifelt." Gerade in Grenzsituationen des Lebens wie einer bevorstehenden Operation schätzen Patienten die Frau als Arzt: "Chirurginnen setzen sich eher noch mal abends an die Bettkante und reden über Ängste", sagt Unfallärztin Stüwe, "aber bringt uns keine Meriten ein, die Männer schreiben in der Zeit ihre Fachartikel."

Andererseits bedeute "jeder kleine Fehler, der jedem Chirurgen einmal passiert, dass bestehende Vorurteile bestätigt werden", sagt Stüwe.

"Chirurginnen", sinniert die Unfallklinikerin aus Wiesbaden, "arbeiten und leben unter einem Vergrößerungsglas."

Quelle: Der Spiegel, 03.08.1998

» Zurück zur Übersicht

Kontakt

E-Mail: ina.ennker(at)yahoo.de

Fachpresse

„An Unusual Team of Cardiothoracic Surgeons”

Chirurgie, Thorax- und Kardiovaskularchirurgie
E-Mail: ina.ennker@yahoo.de