Inhalt: | Qualitätssicherung in der Medizin ist ein seit Jahren propagiertes Thema. In allen Disziplinen werden entsprechende Bemühungen in Hinblick auf eine adäquate Umsetzung dieser Thematik durchgeführt.
Insbesondere die Chirurgie, speziell die Herzchirurgie, ist aufgrund der Meßbarkeit von verschiedenen Patientenvariablen, von präoperativen, perioperativen und postoperativen Ergebnissen für eine eingehende Evaluation besonders geeignet. Diese Daten werden seit 1989 jährlich gesammelt und dann von der Arbeitsgruppe für Qualitätssicherung in der Herzchirurgie der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie zentral ausgewertet. Die generierten Durchschnittswerte werden derzeit an die übermittelnden Kliniken zurückgesandt, so daß sich jede teilnehmende Klinik mit den eigenen Ergebnissen im Verhältnis zum Durchschnittswert positionieren kann. So sinnvoll, wichtig und unverzichtbar derartige Durchschnittswerte in Hinblick auf Komplikationszahlen, Krankenhausverweildauer und insbesondere Letalität sind, so geben diese dem einweisenden Kollegen bei der Bemessung des operativen Risikos des sich ihm anvertrauenden Patienten nur eine grobe Orientierung. Entscheidend für die Beantwortung der Frage, ob eine Operation günstige Erfolgsaussichten hat, können nicht Durchschnittsergebnisse aller deutschen herzchirurgischen Kliniken sein, sondern die entsprechenden Resultate in den vom Patienten erreichbaren Zentren. Diese Überlegungen waren Ausgangspunkt für die Erstellung einer umfangreichen kontinuierlichen Analyse der chirurgischen Ergebnisse unserer Klinik, zusammengefaßt aktuell in einem Jahresbericht für 1997. Da komplexe medizinische Leistungen nur im Team aus verschiedenen Berufsgruppen erarbeitet werden können, sind bei der Erstellung eines derartigen Überblickes selbstverständlich die Kollegen der Anästhesie, die Mitarbeiter der Krankenpflege, der Kardiotechnik und der Krankengymnastik miteinbezogen.
Es ist unser Anliegen mit diesem Jahresbericht, die einweisenden Kollegen, interessierte Patienten und deren Angehörigen wie auch die Versicherungsträger selbst über die erzielten Leistungen und laufenden Anstrengungen der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie unseres Hauses zu informieren. Die in diesem Bericht zusammengefaßten Daten werden kontinuierlich gesammelt und am Jahresbeginn dann für das Vorjahr zusammengetragen. In wöchentlichen Klinikanalysen werden auftretende Besonderheiten erfaßt und in Hinblick auf therapiebezogene Konsequenzen analysiert. Komplikationszahlen und Letalitätsziffern werden kontinuierlich und eingehend analysiert, um auch zeitnah Rückschlüsse auf die Indikationsstellung und chirurgisches Vorgehen ziehen zu können.
Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht selbstverständlich der Patient. Daher sind unsere Verbesserungsvorschläge von Patienten während des Krankenhausaufenthaltes willkommen, um durch konstruktives Hinterfragen unsere eigenen Leistungen kontinuierlich zu verbessern. Darüber hinaus führen wir routinemäßig drei Monate nach Entlassung eine Befragung der behandelten Patienten durch, die weitere Rückschlüsse erlaubt.
Mit dem Jahresbericht wollen wir neben einem Informationsgewinn für unser eigenes Vorgehen Transparenz schaffen. Weiterhin senden wir bereits am Tag der Operation ein Informationsschreiben mitsamt Operationsbericht an die einweisenden Kollegen. Mittlerweile wird dies jedoch immer mehr eine selbstverständliche Serviceleistung, zumindest der Herzchirurgie hier im südwestdeutschen Raum.
Die gleiche Entwicklung wünschen wir uns für den Jahresbericht. Wir meinen, daß es heutzutage eine berechtigte Forderung darstellt, daß jede Klinik ihre Ergebnisse umfassend offenlegt, um auf diese Art und Weise eine der heutigen Zeit angemessene Transparenz medizinischer Leistung für die Patienten, für die Einweiser wie auch für die Gemeinschaft der Versicherten herzustellen. Es ist unsere Auffassung nach nicht einzusehen, warum heute Leistungen z. B. in der Industrie und Dienstleistung kontinuierlich analysiert und gemessen werden, während über Ergebnisse ärztlicher Therapie oftmals, insbesondere im Laienbereich, nur nebulöse Vorstellungen zugelassen werden. Dies gilt speziell für die Herzchirurgie, da es hier sehr gut möglich ist, die Qualität der medizinischen Versorgung zum Vorteil der betroffenen Patienten zu evaluieren.
Letztendlich kann eine konsequente Information über ärztliche Leistungen erheblich zum Abbau noch vorhandener Schwellenängste in Hinblick auf ihre Inanspruchnahme führen. Dementsprechend kann eine überzogene Erwartungshaltung durch den Verweis auf die real existierenden Risiken korrigiert werden. Darüber hinaus ist eine relevante Qualitätsauslese in Zeiten von ausreichender Kapazität im Bereich der Herzchirurgie zu erwarten. Das Beispiel des US-Bundesstaates New York ist in dieser Hinsicht sehr lehrreich: Seit Beginn der Veröffentlichung der Ergebnisse 1989 sank die durchschnittliche risikoadjustierte Mortalität der Koronarchirurgie z. B. von 4,25 auf 2,58 % im Jahre 1994. Eine Entwicklung, die naturgemäß auch den medizinischen Fortschritt reflektiert, unseres Erachten aber durch die Maßnahmen der Gesundheitsbehörden im Staate New York besonders gefördert wurden. So berichtete 1996 Dr. Barbara De Buono, State Health Commissioner im Bundesstaat New York: "Wir haben die niedrigste Sterblichkeitsrate der Koronarchirurgie in den Vereinigten Staaten."
Zumindest in den USA hat dieses Beispiel Schule gemacht, so daß eine derartige Informationspolitik auch in anderen Bundesstaaten aufgenommen wurde.
Es ist uns bewußt, daß die Philosophie des ‘Report casts‘ alles andere als unproblematisch ist. Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint es uns vertretbar, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.
Demgegenüber stellt unsere Informationspolitik eine absolut freiwillige Leistung dar, die derzeit in dieser Form nach unserer Kenntnis in der Bundesrepublik noch ohne Beispiel ist. Wenn es auch ausgesprochen schwierig ist, aufgrund der Unterschiedlichkeit von verschiedenen Patienten kollektive Ergebnisse und Letalitäts- und Komplikationen herzchirurgischer Leistungen von Klinik zu Klinik zu vergleichen, so ist es nach unserer Meinung aus den geschilderten Überlegungen doch wünschenswert, daß weitere Kliniken unserem Beispiel folgen mögen.
Auf diese Weise erfüllen wir eine Bringschuld bei der Forderung nach Transparenz medizinischer Leistungen und dokumentieren die Verpflichtung zur kontinuierlichen und nachhaltigen Verpflichtung unserer Qualität. |